Die 750- Jahrfeier 1936 in Geithain
von Dr. Gottfried Senf
Über die Feierlichkeiten 1936 war bisher nur wenig bekannt. Das liegt nicht allein an der großen zeitlichen Distanz. Die Festschrift zur 800-Jahr-Feier 1986 erwähnt das Fest 1936 mit einem einzigen Satz in der Chronologie: „Das Stadtjubiläum 750-Jahr-Feier wird entsprechend einer faschistischen Geschichtsauffassung gefeiert.“ Natürlich wurde 1936 in Deutschland jedes Stadtjubiläum auf der Grundlage der herrschenden NS-Ideologie begangen, auf welcher anderen denn sonst? Ortsjubiläen sind immer und überall in erster Linie lokale Ereignisse, durchgeführt von den Einwohnern für die Einwohner. Die große Politik kommt erst an zweiter Stelle, wird eher als notwendiges Übel empfunden.
Das gilt auch für die Feierlichkeiten 1936 in Geithain: einerseits unbeschwertes, fröhliches Volksfest, andererseits aber obrigkeitsstaatliche Vorgaben und Anpassungen an die offizielle Doktrin.
Es waren fünf bedeutsame Tage für die Geithainer. Die sechsseitige Programmschrift, hergestellt in der Geithainer Druckerei von Johannes Schmidt, existiert in mancher Geithainer Familie bis heute. Das Geithainer Wochenblatt erschien mit einer Extraausgabe und veröffentlichte nach dem Fest zahlreiche, durchweg positive Lesermeinungen zu den Veranstaltungen.
Auszüge aus dem Festprogramm:
29. August
12 Uhr, Eröffnung durch den Bürgermeister im Rathaus vor Ratsherren und Bürgern. Abholen der Gäste vom Bahnhof. Die Gäste werden mit Musik nach dem Markt geleitet und dort begrüßt.
18 Uhr, Konzert der Pimpfe auf dem Markplatz
20 Uhr, Begrüßungskommers. Programm mit Auftritten des Gesangvereins, Ansprachen, anschließend Wiedersehensfeiern in den Gaststätten.
30. August
6 Uhr Weckruf durch die Stadtgarde, 9 Uhr Zeremoniell am Kriegerdenkmal, 13 Uhr Stellen zum Festzug mit Wagen, ausgestaltet nach Geschehnissen in der Geithainer Geschichte.
16 und 20 Uhr Aufführung des Festspiels „Aufruhr in Geithain“ von Kurt Klein, abends Festball auf allen Sälen der Stadt.
31. August
Bürgerfrühstück mit Gesang der Männerchöre auf dem Marktplatz. Schauturnen der Turn- und Sportgemeinde Geithain auf dem Schützenhausplatz, abends: in Sankt Nikolai Aufführung des Oratoriums „Die Jahreszeiten“ von Haydn durch Kantorei und Kirchenchor Geithain und das Limbacher Stadtorchester.
1. September
12 Uhr Bewirtung aller Geithainer im Schützenhaus. Schulfest auf dem Schützenhausplatz.
2. September
Kreis- und Bezirkstagungen der Fleischer- und Bäckerinnung, Vollversammlung der Wirtschaftsgruppe des Gaststätten- und Beherbergungsgewerbes im Bezirk Borna.
Sehen wir von dem Konzert der Pimpfe ab, deutet hier nichts auf die politischen Verhältnisse im Deutschland des Jahres 1936 hin. Ein tolles, eher unpolitisches Stadtfest mit Wiedersehenstreffen, kulturell anspruchsvollen Darbietungen mit ortsansässigen Kräften, Auftreten der Turn- und Sportvereinigungen der Stadt, Schulfest. Wie vollzog sich wohl „die Bewirtung aller Geithainer im Schützenhaus“? An anderer Stelle des Programms erfährt man, dass die Polizeistunde von Sonnabend bis Montag aufgehoben und an den letzten beiden Tagen bis 3 Uhr verlängert wurde. Es wird in der kleinen Stadt Geithain hoch hergegangen sein. Viele Ältere schwärmten noch Jahre danach von der tollen Illumination, dem nachgebauten oberen Stadttor und der Stadtgarde in ihren farbenprächtigen Uniformen.
Das war die eine Seite der Medaille. In den Ansprachen fehlten am Ende nie die aktuellen Bezüge zur Reichspolitik, die Appelle, „für seine Heimatstadt und damit für sein deutsches Vaterland jederzeit sein Bestes einzusetzen“. Der „Dank an unseren Führer“ ist 1936 längst ein Ritual. Bei offiziellen Handlungen agiert nicht der Bürgermeister Müller allein, sondern gemeinsam mit NSDAP-Ortsgruppenleiter Kresser. Die Begrüßungsworte von Amtshauptmann Kunz, Bürgermeister Müller und Ortsgruppenleiter Kresser werden in der Festzeitung veröffentlicht. Kresser beendet den Willkommensgruß in der Festzeitung mit Worten, die den Personenkult um Hitler zeigen: „Wir gedenken des Führers und danken ihm, daß er uns zum Schutze der Heimat ein starkes Heer geschaffen hat, unter dessen Schutz wir unbesorgt in die Zukunft schauen können..." Diese Zukunft lag nicht in weiter Ferne: Drei Jahre später beklagte die Stadt ihre ersten Gefallenen des Zweiten Weltkrieges, Gottfried Ackermann und Wilhelm Riemer. Die Gestaltung des Festumzuges war entsprechend und wurde in einem Vorwort zur Erklärung der Bilder deutlich ausgesprochen: „Die Stadt hat dem Festzug den Gedanken der Wehrhaftigkeit im Wandel der Zeiten zu Grunde gelegt. Sie hat dies getan, weil das Jubiläumsjahr zugleich das Jahr ist, in welchem der Führer die vollkommene Wehrhoheit über das gesamte Reichsgebiet wiederhergestellt hat...“ Eine Beschreibung der 14 Bilder, in denen Geithainer Geschichte lebendig werden sollte, muss hier entfallen. Sicher hat die Vorbereitung, das Kostümieren und Gestalten bis zum Höhepunkt den vielen Mitwirkenden vom Schulkind bis zum älteren Erwachsenen Freude bereitet. Wer hat damals die Dramaturgie des Ganzen schon durchschauen können? Die Auswahl der Ereignisse aus der Stadtgeschichte und der parteimäßig beschränkte Blickwinkel sind alles andere als objektiv. Natürlich sollte die letzte Gruppe im Festzug das Einmünden der Geithainer Stadtgeschichte in „die neue Zeit“ suggerieren: „Ein neues Geschlecht ist erstanden, und dieses Geschlecht und seine Vertreter zeigt uns die Gruppe 14, die uns aber auch die Pflicht auferlegt, des Mannes zu gedenken...“ Den Rest kennt man. Allgemeinpolitische Vorgaben waren auch beim Fahnenschmuck während der Festtage zu beachten. Schwarz-Gelbe Fahnen und Grün-Weiß waren unerwünscht. Politischer Hintergrund hierfür war die Abschaffung des föderativen Systems und die Gleichschaltung der Länder durch das Gesetz über den Neuaufbau des Reiches von 1934. Gauleiter Mutschmann war nicht nur der Parteichef und Reichsstatthalter, sondern seit Februar 1935 auch Ministerprädident von Sachsen. Es konnte sich somit das entwickeln, was für Sachsen bis zum Ende der NS- Diktatur charakteristisch war: eine in vielen Bereichen fast grenzenlose Alleinherrschaft Mutschmanns, der in der Manier eines Landesfürsten regierte. Die Hakenkreuzfahne dominierte. Das war die andere Seite der 750- Jahrfeier und des Heimatfestes 1936 in Geithain.
Um Verwechslungen zu vermeiden, sei bemerkt: Bürgermeister war von 1933 bis kurz vor Kriegsende 1945 Erich Müller. Er war kein alteingesessener Geithainer. Kurt Müller (Inhaber des Geschäftes F. J. Wagner am Markt), der für einige Monate im Jahre 1945 als Bürgermeister von Geithain fungierte, war ein alteingesessener Geithainer.

Kulisse zum Stück "Aufruhr in Geithain", Auto und Regisseur war Lehrer Kurt Klein

Autokorso beim Stadtfest 1936

Die "Stadtwache" kontrolliert den Publikumsverkehr am Stadttor

Festumzug Leipziger Str. Nähe Rathus

Festumzug Leipziger Str.

Festliches Treiben auf dem Markt
Hinweis: Allen, die mehr über die Jahre 1933 bis 1945 in Geithain nachlesen möchten, wird empfohlen:
Geithain Journal, Teil II, Seite 24 bis 54
Chronik der Stadt Geithain, Teil III
Beides erhältlich in der Geithainer Buchhandlung „Bücher, Bilder & Musik“ in der Leipziger Straße. Die Geithainer Bibliothek leiht die Bücher aus.



